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Moderne Gleichnisse

Das Abendessen

Ein Hollywoodstar dachte wehmütig an all die Menschen, die für ihn arbeiteten. Sein Ruhm sorgte für eine ungute Distanz zu ihnen. Dabei wünschte er sich statt ihrer Verbeugungen und ihrer ehrfürchtigen Dienstbarkeiten einen humorvollen Alltag wie unter Freunden. Er beschloss, zu seinem Geburtstag keine Schauspieler einzuladen und keine berühmten Sänger, sondern mit der Köchin, dem Gärtner und dem Bodyguard zu feiern. So würde er ihnen zeigen, dass er ihr Freund sein wollte. Er lud jeden mit einer handgeschriebenen Karte ein, und gab der Köchin und den anderen für den Tag frei – das Essen bereitete er selbst zu, mit der Hilfe eines befreundeten Sternekochs.

Zur angesagten Stunde entzündete der Filmstar die Kerzen, rückte noch einmal das Besteck gerade und setzte sich mit einem Lächeln an den fein gedeckten Tisch. Er freute sich auf seine Angestellten, wollte von ihren Familien hören, ihren Träumen, ihren Zielen. Es würde ein wunderbarer Geburtstagsabend werden, der sie alle enger miteinander verband. Der Kamin brannte, es spielte leise Musik im Hintergrund, und die Kerzenflammen spiegelten sich in den silbernen Hauben, die das Essen warmhielten.

Im Nebengebäude für die Dienstboten sah sich die Köchin ihre Einladung an. Sie dachte: Der ist so groß, der kann sich gar nicht für mich interessieren. Wenn ich zur Feier hingehe, werde ich bloß unbeachtet in einer Ecke herumstehen. Oder mir rutscht ein falsches Wort heraus, das ihn beleidigt, und ich verliere meinen Job. Sie entschied sich, nicht hinzugehen, und blieb der Geburtstagsfeier fern.

Der Bodyguard betrat klopfenden Herzens den Raum. Er bemerkte gar nicht, dass der Hollywoodstar aufstand und ihn mit Namen begrüßte, er bemerkte nicht, wie der Gastgeber ihm freundlich einen Stuhl anbot, gleich neben seinem. Denn der Bodyguard dachte: Was für eine Chance! So gutes Essen bekomme ich nie wieder. Er trat an die Tafel heran, kostete vom Rehrücken, zog eine Plastiktüte aus der Tasche und legte gratinierte Passionsfrucht, Hummer und Kaviar hinein. Dann floh er mit seiner Beute nach draußen und bezog Posten vor der Tür, wie er es gewohnt war. Als der Gärtner Einlass begehrte, hielt er ihn auf, aber der Mann zeigte ihm eine Einladung, und so ließ er ihn passieren und wandte sich wieder seinem Essen zu.

Der Gärtner öffnete die Tür zum Festsaal und freute er sich über die Wärme, die Kerzen und die Musik. Er konnte es kaum fassen, dass sich sein Chef einen ganzen Abend Zeit für ihn nahm. Scheu setzte er sich neben den Star, und sie aßen gemeinsam. Als der Filmstar begann, ihn auszufragen, entspannte sich der Gärtner allmählich, und er erzählte gerne aus seinem Leben. Sie verbrachten Stunden mit Gespräch und Lachen und gutem Essen.

Für den Bodyguard und die Köchin blieb in den darauffolgenden Wochen alles beim Alten: Sie arbeiteten, wie sie es gewohnt waren, und erhielten am Monatsende ihren Lohn. Nach einiger Zeit kündigte die Köchin, weil sie meinte, sich zu verbessern, indem sie auf einem Luxusliner für viele reiche Gäste kochte. Der Bodyguard behielt seine Stelle, weil er auf weitere Einladungen hoffte, wegen des guten Essens.

Der Gärtner aber ging, wann immer es die Geschäfte des Filmstars zuließen, mit ihm im Garten spazieren, und zeigte seinem Chef die Büsche und Blumen, die er eingepflanzt hatte. Sie wurden gute Freunde. Der Hollywoodstar freute sich an ihrer Freundschaft genauso wie der Gärtner.

Titus Müller

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Juni 2010.

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